In seiner zweiten Einzelausstellung in der Galerie Tassilo Usner in Salzburg
präsentiert Moritz Berg unter dem Titel „Le vent se lève ! Il faut tenter de vivre !“
neue Arbeiten, die aus einer genauen Beobachtung seiner Umgebung
hervorgehen. Der Titel ist dem Schlussvers von Paul Valérys Gedicht
„Le Cimetière marin“ entlehnt: „Der Wind erhebt sich! Man muss versuchen zu
leben!“ Im Mittelpunkt der Ausstellung steht nicht die Darstellung eines Ortes,
sondern die Frage, welche Spuren eine Begegnung mit ihm hinterlassen kann.
Ausgangspunkt sind flüchtige und oft unscheinbare Momente – ein warmer
Luftzug, das Rosa des Abends oder das flackernde Licht zwischen Baumwipfeln.
Berg interessiert sich dafür, wie sich solche Eindrücke durch aufmerksame
Beobachtung erschließen und festhalten lassen können. In Rainer Maria Rilkes
Übertragung von Valérys Gedicht heißt es: „O, die Belohnung, nach dem langen
Denken / ein langes Hinschaun auf der Götter Ruhn!“ Auch Bergs Arbeiten gehen
aus einem solchen Verweilen und Schauen hervor.
Der Wind, der bei Valéry den gedanklichen Stillstand durchbricht, wird bei Berg
zu einer tatsächlichen Bewegung, die er unmittelbar in den Zeichenprozess
einbezieht. Ein an Bäumen oder Ästen befestigter Stift hinterlässt durch Wind
und Böen Linien und abstrakte Spuren, in denen sich die Bewegungen des Ortes
einschreiben. Was zunächst eine flüchtige Geste ist, wird auf die Leinwand
übertragen und in eine neue Form überführt. Die Umgebung wird so aktiver
Bestandteil des künstlerischen Prozesses.
In Valérys Gedicht heißt es an anderer Stelle:
„Nicht denken, Leib, – ergib dich dem Gewander, – / trink, meine Brust, den
Wind, der aus sich dringt!“ Die Verse verweisen auf eine Hinwendung zur
unmittelbaren Erfahrung, die auch Bergs Arbeit prägt. Seine Methode macht
sichtbar, wie sich die Begegnung mit einem Ort in eine bildnerische Form
übersetzen lässt, ohne dessen Erscheinung abzubilden. Sie richtet den Blick auf
das, was leicht übersehen wird und und lässt Qualitäten und Zusammenhänge
hervortreten, die zuvor unbemerkt geblieben wären. Die Dinge selbst bleiben
dieselben – was sich verändert, ist die Art, wie wir ihnen begegnen.
